Frau sein oder Frau haben

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In dieser Woche hat es einen interessanten – rein argumentativen – Schlagabtausch zwischen zwei FAZ-Journalisten gegeben. Es ging um die Frage, ob es heute schwieriger ist als früher, Kinder in die Welt zu setzen – und wenn ja, warum. Eine aktuelle Frage, auf die ich ein paar klassische und ein paar neue Antworten gefunden habe.

Antonia Baum startete die Auseinandersetzung mit ihrem Essay Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen. Kurzzusammenfassung: lange berufliche Ausbildung und Karriereplanung, dann vielleicht Kinder, diese möglichst schnell betreuen lassen und von da an zwischen Job, Betreuung und Haushalt hin und her hetzen, nie allem gerecht werdend, und am Ende gibt’s nach Jahrzenten der Teilzeit auch kaum Rente – warum also das Ganze?

Kurz darauf legte Stefan Schulz nach mit Ihr wollt Kinder? Dann kriegt sie doch! Kurzzusammenfassung: Es war noch nie so leicht, Kinder zu bekommen, wie heute: wir haben doch fast alle irgendeine Arbeit, der Sozialstaat sichert uns ab und es gibt nach wie vor diese unbestimmbare magische Kraft, die dafür sorgt, dass das alles läuft und man als Mann abends nach der Arbeit mit seinen gewaschenen, gesättigten und erzogenen Kindern spielen und glücklich sein kann. Was also soll die Aufregung?

Frau Baum sprach mir erwartungsgemäß aus der Seele, denn wir sind im gleichen Alter, stellen uns die gleichen Fragen und teilen demzufolge wohl auch die meisten Sorgen. Herr Schulz‘ Beitrag hat mich hingegen kurz irritiert. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob er eventuell aus einer anderen Zeit oder einer anderen Welt stammt. Bis mir die Erklärung dafür einfiel: Herr Schulz ist ein Mann. Die unterschiedliche Bewertung des Abenteuers Familie ergibt sich vermutlich allein dadurch, dass Frau Baum eine Frau ist und Herr Schulz – vermutlich – eine Frau hat.

Eigentlich sollte es heute keinen Unterschied mehr machen, ob man als Mann oder Frau über seine Familienplanung nachdenkt. Jeder von uns hat die Wahl, ob er kurzzeitig, etwas länger oder sogar für immer aus dem Beruf aussteigt, um sich seinen Kindern zu widmen. Der Unterschied in der Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten kann aber gewaltig sein, wie in diesen beiden Essays deutlich wird. Vermutlich hat es damit zutun, dass in unserer heutigen Gesellschaft zwei Entwicklungen aufeinandertreffen: Die versuchte Gleichstellung der Geschlechter und die bereits vollzogene Ökonomisierung unserer gesamten Lebenswelt. Sie ist das dominierende Prinzip und verlangt Marktkonformität nicht nur von unserer Demokratie, sondern auch von unserer Biografie. Sie fordert maximale Berufstätigkeit, um unsere Arbeitskraft möglichst profitabel zu nutzen. Männer wie Frauen sollen möglichst früh arbeiten gehen (kürzeres Abitur, Bolognareform), möglichst keine lange Unterbrechung für Kinder einlegen („War of Talents“) und das Ganze dann möglichst lange durchhalten (aktuell bis 67, ich denke meine Generation wahrscheinlich auch bis 70). Während wir das durchziehen, betreuen fremde Menschen unsere Kinder und Eltern, putzen unsere Wohnungen und verschreiben uns Massagen und Medikamente gegen die ersten Ausfallerscheinungen.

In diesem Spannungsfeld bewegen sich beide Geschlechter, das ist entscheidend. In der gebär- und zeugungsfähigen Generation gibt es ja nicht nur besorgte junge Frauen, die wie ich oder Frau Baum etwas ratlos mit ihren Prioritäten jonglieren. Es gibt mindestens genauso viele junge Männer, die alles anderes zutun haben, als „ein Haus zu bauen, ein Kind zu zeugen, und einen Baum zu pflanzen“. Sie gehen arbeiten. Oder bilden sich weiter und gehen dann noch mehr arbeiten. Und führen zu Hause endlose Gespräche mit ihren Freundinnen, warum es unpassend ist, ausgerechnet jetzt ein Kind zu bekommen.

Für Männer ist es leichter, mit dieser Situation klarzukommen, denn es gibt ein bewährtes Rollenmodell des durchgehend arbeitenden Mannes, für das man sich auch heute nicht rechtfertigen muss. Wir Frauen stehen in der ökonomisierten Gesellschaft etwas hin- und hergerissen da. Das alte Modell des Kinderkriegens und -betreuens steckt uns noch in den Knochen, wir hätten da auch durchaus Lust drauf, aber gleichzeitig wissen wir, dass der sich zurückziehende Sozialstaat und die Nötigung zur privaten Vorsorge uns die maximale Erwerbstätigkeit abfordern. Offiziell sollen wir das für uns tun, das mit der Karriere. Inoffiziell sind wir Gefangene des großen Wachstumsprogramms, das immer mehr Produktivität braucht und es daher nicht zulassen kann, dass sich ein Elternteil ganz oder beide ein bisschen aus der Erwerbsarbeit verabschieden.

Das Prinzip der Ökonomisierung bremst die Gleichstellung der Geschlechter aus. Die Männer kommen nicht raus aus ihrer traditionellen Rolle, die Frauen kommen nur mit großer Mühe hinein in neue Rollen, die Erwerbsarbeit und Erziehungsarbeit gut miteinander kombinieren. Was man sich also zwischen Mann und Frau aufteilen könnte, bleibt zumeist in vollem Umfang an den Frauen hängen. Das ahnend macht sich das weibliche Geschlecht vermutlich mehr Sorgen über die Familienplanung oder stellt sie gleich ganz infrage, denn die Vorstellung, Kinder zu bekommen, die dann nur im Weg herumstehen und wegorganisiert werden müssen, erzeugt keine große Vorfreude. Und außerdem haben wir noch unsere Mütter im Nacken, die uns mit viel Zeit und Hingabe großgezogen  haben und sich das nun gerne auch für ihre Enkel wünschen.

Nun kann man natürlich sagen, die äußeren Rahmenbedingungen können machen was sie wollen, Kinderkriegen ist nicht so schwer, einfach mal machen. Auch möglich wäre es zu sagen: Wir wollen eine kinderfreundliche Gesellschaft sein und tun etwas dafür, erst dann setzen wir Kinder in die Welt. Bei letzterem Punkt gehört auch das Argument auf den Tisch, dass Kinder zwar individuelle Entscheidungen sind, sie aber im größeren Kontext für eine Nation die Zukunft darstellen – und selbst die Wirtschaft, die beide Geschlechter am liebsten vom Tag der Zeugnisübergabe bis zur beginnenden Demenz in Vollzeit beschäftigen möchte, hat gewisse Vorteile, wenn das Volk der Angestellten und Kunden nicht schrumpft.

Erstaunlicherweise geben beide Artikel den gleichen Denkanstoß, aber es bleibt in beiden Fällen nur ein Anstoß. Frau Baum drückt es so aus: „Männer wie Frauen sind mit ihren Aufgaben überfordert und unzufrieden. Insofern haben beide ein Geschlechteranliegen, welches aber am Ende auf die Verfasstheit unserer Ordnung weist.“ Und selbst Herr Schulz schreibt: „Statt dass sich junge Menschen für Kinder entscheiden und sie bekommen, wenn sie Zeit für sie haben (…) warten sie, weil sie die Bedeutung des Geldes höher einschätzen.“

Das ist der Punkt. Die Bedeutung des Geldes IST in der aktuellen Verfasstheit unserer Ordnung höher. Wer sich dagegen entscheiden möchte, muss sich mit viel Kraft gegen innere und äußere Widerstände stemmen. Nur um das klarzustellen: Es ist gar kein Problem, dass Erwerbsarbeit die Grundlage auch meines Lebens darstellt. Aber irgendetwas ist passiert, dass die Erwerbsarbeit über allem steht und anderen Lebensentscheidungen keinen Raum mehr lässt. „Und deswegen muss es die Möglichkeit geben, weniger zu arbeiten. Für Männer und Frauen“, fordert Frau Baum. Weniger arbeiten heißt in diesem Kontext nicht mehr Freizeit, sondern weniger Zeit für Erwerbsarbeit und mehr Zeit für Sozialarbeit, die nämlich größtenteils unentgeltlich ist und daher von unserer ökonomisierten Gesellschaft nicht als Arbeit erkannt wird – ein fatales Versäumnis.

Die Verfasstheit unserer Ordnung beißt sich damit selbst in den Schwanz, bemerkt das nicht einmal, und zeigt mit dem nackten Finger unverhohlen auf uns, wenn wir beim großen Kompromissfinden ins Straucheln geraten. Ich werde langsam wütend auf die Verfasstheit unserer Ordnung. Wir müssen uns ernsthaft fragen, was unsere Prioritäten sind. Vor dem Hintergrund der Verdichtung der Arbeit, Arbeitsplatzabbau und Jobunsicherheit, Verteuerung der Lebenskosten, Privatisierung von Vorsorge etc.  hat ein „macht es doch einfach“ einen seltsam Beigeschmack. Es ist unser ureigenes Interesse, die Verfasstheit der Ordnung zu hinterfragen und Gegenentwürfe (z.B. Grundeinkommen, Konzept neue Arbeit) zu entwickeln, denn sonst haben wir eines Tages eine gewaltige soziale Unordnung und niemand fühlt sich fürs Aufräumen zuständig.

 

 

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