Realitätskultur

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Liebe Flüchtlinge, herzlich Willkommen in unserem verwirrenden und komplizierten Land. Sicher wird euch in den Integrationskursen etwas über unsere Demokratie, unser Rechtssystem und die Meinungsfreiheit erzählt. Das werdet ihr vermutlich erst einmal so glauben, euch vielleicht auch darüber freuen. Aber Vorsicht! Wenn ihr dieses Land besser kennenlernt, werdet ihr schnell feststellen, dass sich viele der erhabenen Ansprüche längst abgenutzt haben. Hinter der noblen Theorie wartet eine oft zynische und widersprüchliche Wirklichkeit auf euch.

Was uns in Deutschland am meisten prägt, ist unsere düstere Vergangenheit. Als Erbe von – oder Strafe für – diese Zeit laufen noch heute einige wenige Neonazis in unserem Land herum, die eine rassistische und fremdenfeindliche Überzeugung in sich tragen. Das erschreckt die allermeisten Deutschen sehr und wir versuchen, diese Überzeugung zu bekämpfen. Mit Bildung, Bürgercourage und zur Not mit Polizei und Verfassungsschutz. Dieser Kampf ist, ich möchte das noch einmal betonen (ihr werdet gleich verstehen warum) richtig und wichtig und muss intensiviert werden. Er hat uns aber auch mit den Jahren hysterisch gemacht. Hatten wir ursprünglich vor, gegen Rechtsextremismus vorzugehen, sind nun auch national-konservative Meinungen höchst verdächtig. Und es kann Situationen geben, da gilt man bereits als rechtsextrem, wenn man die deutsche Flagge zeigt. Dieser Vorwurf hängt oft alleine ab vom Grad der Hysterie des Gegenübers.

Gut gemeint vs. gut gemacht

Das Ergebnis dieser um sich greifenden Hysterie ist eine verbreitete Grundhaltung, die den deutschen Staat und seine Bürger verachtet. Deswegen werden die Deutschen auch nicht gefragt, ob sie eine unbegrenzte Zuwanderung aus fremden Kulturen wollen – was eigentlich dem demokratischen Anspruch entspricht. Wir haben natürlich hohe humanitäre Ansprüche an den Schutz von politisch Verfolgten und Kriegsflüchtlingen und das ist auch richtig und wichtig und muss intensiviert werden. Allerdings übersehen wir dabei, dass man ganz schnell, wie es so schön heißt, der an sich guten Sache einen „Bärendienst“ erweisen kann. Wer zum Beispiel das Asylrecht unbegrenzt gewährt, zerstört es. Wer einen Staat ohne Grenzen will, hat bald keinen Staat mehr. Wer die Aufnahmebereitschaft seiner Bürger überstrapaziert, verschlechtert die Stimmung im Land und proviziert einen Rechtsruck. All diese Dinge passieren gerade, aber sie werden ausgeblendet oder verharmlost. Man macht lieber so lange weiter, wie man kann und reibt sich dann verwundert die Augen, wenn das unschöne Folgen hat. Das hat damit zu tun, dass die Mehrheit unserer Politiker und Journalisten vom Bürger entfernte Eliten sind, denen es leicht fällt, bei Problemen wegzusehen. Sie leben in einer Parallelgesellschaft, wissen es aber nicht.

Leider hat auch eure zahlreiche Ankunft dazu beigetragen, dass die Hysterie neue Rekordwerte erreicht. Nein, das ist nicht eure Schuld! Im Grunde müssten wir euch sogar dankbar sein, dass eure Anwesenheit uns klarer sehen lässt, wo unsere eigenen Abgründe liegen. Wir müssen zum Beispiel gestehen: Unsere eigenen Gesetze und ihre Durchsetzung sind uns nicht mehr viel wert. Wie gehen wir mit unseren Grenzen um, wer darf bleiben und wie lange? Wie gehen wir mit Abschiebepflichtigen um, damit Platz für wirklich Bedürftige frei wird? Wir haben dafür Regeln, aber wir haben niemanden mehr, der sich dafür einsetzt. Selbst unser Justizminister hat in seiner Parallelwelt nichts Wichtigeres zu tun, als Demonstranten pauschal zu kriminalisieren, um unangenehmen Gesprächen noch schneller aus dem Weg gehen zu können.

Böser Deutscher, edler Fremde

Unsere eigentlich rechtlich gesicherten Freiheiten, auf die ihr euch sicherlich freut, können wir nicht mehr an jedem Ort garantieren. Das ist das heute schon erkennbare Erbe nicht gelungener Integration der Vergangenheit. Politisch gewollte oder zumindest nicht verhinderte und in Zukunft weiter anwachsende Parallelgesellschaften am anderen Ende der Gesellschaft (weit weg von denen der Politiker und Journalisten) führen ein Eigenleben mit Friedensrichtern, Familiengewalt und Polizeiverachtung. Dort ist die wachsende Renaissance einer fundamentalistischen Religion zu beobachten. Hier haben wir leider die Kontrolle verloren, vorher den Willen dazu. Die Fähigkeit dazu hätten wir jederzeit gehabt. Ja, wir reden immer noch von Deutschland. Keine Ahnung, was euch die Schleuser erzählt haben, ich beschreibe nur, wie es hier mancherorts ist.

Wie konnte das passieren“, fragt ihr womöglich mit ungläubigem Blick. Das liegt an der deutschen Angst. Diese in die Seele eingefressene Angst, dass man etwas tut oder sagt und plötzlich als Rassist oder Fremdenfeind („Nazikeule“) beschimpft wird. Aktuell wagen es nur wenige öffentliche Personen, eine kritische Meinung zu beziehen und damit sogar die Wut ihrer engsten Gefolgsleute zu riskieren, wie etwa der Grüne Boris Palmer. Dass der Fremde auch Deutschland und seine Kultur, seine Werte und seine Bürger („Ungläubige“) hassen kann, ist in vielen Köpfen eine Unvorstellbarkeit. Alles Fremde kann nur besser sein als das eigene Monströse, so die trügerische Annahme. Deswegen sind die Grenzen offen. Weil wir davon ausgehen, dass nur hilflose und wohlmeinende Menschen überhaupt in der Lage sind, sie zu übertreten. Nicht denkbar erscheint uns, dass wir damit auch kulturellen Einflüssen Tür und Tor öffnen, die andere Religionen, Weltanschauungen oder das andere Geschlecht verachten und von weltlicher Gesetzgebung herzlich wenig halten. Vielleicht habt ihr das auf eurer Flucht und in den Aufnahmelagern auch schon erlebt und euch gefragt, ob das eure künftigen Nachbarn sein werden. Ich fürchte, ja.

Kleine Unterschiede

Wir vermeiden es, von Problemen zu reden und feiern unsere Weltoffenheit („Offen für alles und jeden!“) und unsere Toleranz („Auch gegenüber Intoleranten, solange sie einen Migrationshintergrund haben!“), die lange Zeit nur dank regierungsfreundlicher Medien möglich waren – doch aus dieser Dauerberieselung mit Halbwahrheiten (Lügenpresse finde ich persönlich etwas zu hart) erwachen inzwischen viele Leute. Unser Land wird sich verändern („Kann ja nur besser werden, oder?“). Es wird chaotischer! Der öffentliche Raum wird maskuliner. Darüber freuen wir uns. Hier Probleme zu erahnen, ist schon mit bösartigen Unterstellungen verbunden, deswegen tue ich es auch nicht und ignoriere auch Stimmen aus der Wissenschaft. Weg damit, alles Nazis!

Ich habe den Eindruck, überraschend viele Deutsche halten sich für das Maß aller Dinge und glauben, jeder Mensch auf der Welt wäre zu dem fähig und bereit, was wir Vernunft nennen. Weil wir unsere Urlaube immer in geführten Kleingruppen oder in abgeschirmten Clubanlagen verbringen, haben wir keine praktische Vorstellung davon, wie komplett anders Menschen sein können, die anders erzogen oder anders gebildet sind, die andere Dinge erlebt haben und genauso feste Überzeugungen haben, wie wir – nur vielleicht komplett andere.

Gedankenspiel: Würden wir aus irgendwelchen Gründen in eines eurer Herkunftsländer auswandern (müssen), wir würden einen ungeheuren Kulturschock erleben. Frauen müssten Kopftuch tragen, dürften nur mit männlicher Begleitung vor die Tür. Der Mann, der einen anderen Mann küsst, hat vielleicht zum letzten Mal in seinem Leben irgendjemanden geküsst. Mädchen dürften nicht in die Schule gehen. Jungen müssten in die Koranschule. Wären wir integrierbar in die Länder, aus denen ihr kommt? Und genau das ist das Problem. Versteht ihr?

Ich bewundere jeden zutiefst, der sich aus einer Kultur der Ungleichheit und Unterdrückung befreien kann. Ob das laut und öffentlich geschieht, wie es beispielsweise Hamed Abdel-Samad, Ahmad Mansour, Sabatina James oder Ayaan Hirsi Ali vorleben (um nur einige zu nennen) oder im Privaten passiert. Die Genannten müssen sich nicht nur verbaler Kritik stellen, das wäre für sie wahrscheinlich eine regelrechte Erleichterung. Nein, sie stehen in unserer freien (?) Gesellschaft unter Polizeischutz und werden mit dem Tod bedroht. Nicht von Rechtsextremen, sondern von Islamisten. Kaum ein Deutscher wird je nachvollziehen können, welche geistigen und vielleicht auch körperlichen Kräfte nötig sind, um sich die Freiheiten zu erkämpfen und zu erhalten, mit denen wir so bequem aufwachsen, dass wir sie für so selbstverständlich halten wie die Luft zum Atmen. Umso nachvollziehbarer erscheint mir in diesem Lichte, wieso die Integration in unsere Gesellschaft oft nicht gelingt. Weil diese Kräfte eben nicht jedem gegeben sind.

Vorsicht vor dem Steinzeitwerkzeug!

Wenn ihr jetzt denkt, die Nazikeule droht nur den Deutschen, so habt ihr euch leider geirrt. Ich sagte ja eingangs, dies ist ein widersprüchliches Land. Alleine kämen wir mit unseren Sprechverboten und unserem Hang zur Selbstzerfleischung wohl gar nicht mehr klar. Deswegen kann man nur von Glück reden, dass aufgeklärte und mutige Migranten uns hierbei unterstützen. So etwa Tania Kambouri, deren Eltern aus Griechenland eingewandert sind. Sie hat im Alltag als Polizistin jeden Tag mit gescheiterter Integration und mit Parallelgesellschaften zutun. „Wir verlieren immer mehr und mehr die Hoheit auf der Straße„, schreibt sie schonungslos. Sie erinnert daran, dass die Aufnahme von Migranten aus bestimmten Kulturen zu Schwierigkeiten führen, die man nicht sich selbst überlassen darf. Selbst sie muss darlegen, dass sie kein Nazi ist. Warum?

Vielleicht mögen wir es insgeheim nicht, wenn Migranten ihre von uns zugewiesene Opferrolle verlassen und mündig auftreten – auch wenn wir das immer als zentralen Aufklärungs-Wert proklamieren, aber was heißt das heute schon. Der Grund mag sein, dass die Opferrolle von Flüchtlingen wie die Faust aufs Auge zu den Schuldgefühlen der Deutschen. Dass es sich gegenseitig bestärkt. Und böse ist, wer diesen Kreislauf durchbricht!

Ich wünsche mir nichts sehnlicher von euch, als dass ihr euch einschaltet, sobald ihr der (komplizierten) deutschen Sprache mächtig seid. Bitte helft uns bei der Diskussion um die Aufnahmefähigkeit und Integrationsmöglichkeiten dieses Landes und sprecht aus, was für uns unsagbar ist. Alleine schaffen wir das nicht.

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